Presse
 
  Donnerstag, 31. März 2005
"Islamische Holdings" Jahrelanger Milliarden-Betrug
  Zehntausende türkischstämmige Menschen in Deutschland sind in den vergangenen Jahren Opfer von organisierten Aktienbetrügern in der Türkei geworden. Staatsanwälte, das türkische Parlament und das Essener Zentrums für Türkeistudien (ZfT) versuchen, den Milliardenbetrügereien auf den Grund zu gehen.

Durch Anlagen in die so genannten "islamischen Holdings" verloren türkische Migranten in den vergangenen Jahren nach ZfT-Schätzungen rund fünf Milliarden Euro. Rund 200.000 Menschen wurden geschädigt. Um die Holdings aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen, wurde im türkischen Parlament eine eigene Kommission einberufen. Sie soll die genauen Umstände analysieren. Zurzeit laufen die Ermittlungen. "Viele haben ihre gesamten Ersparnisse eingezahlt und sind heute Sozialfälle", sagt Cengiz Yildirim vom ZfT, das sich in einer Studie mit den Holdings beschäftigt. Eine türkische Frau aus München hatte vor mehreren Jahren 300.000 Mark überwiesen, von denen sie 50.000 in einem Kredit aufgenommen hatte. Heute lebt sie von einer kleinen Rente und ist enorm verschuldet.
  Hinzu kommt die psychische Belastung. "Stellen Sie sich vor, Sie haben 30 bis 40 Jahre lang hart gearbeitet, sich keinen Luxus gegönnt, investieren dann ihre ganzen Ersparnisse und verlieren alles", sagt Yildirim. Die Hoffnung, wenigstens einen Teil des Geldes wiederzubekommen, hätten die meisten bereits aufgegeben.
  Die "islamischen Holdings" hatten sich in der Türkei gegründet. Die 52 vom Zentrum ermittelten Teilhabergesellschaften suchten seit den 90er Jahren im Ausland lebende Türken als Anleger. In erster Linie wurde über Koordinatoren in Moschee-Vereinen Kontakt mit Migranten der ersten Generation aufgenommen. Dabei hatten die Holdings Ansprechpartner gewählt, die in der Gemeinde Ansehen und Vertrauen genossen. Das vom Koran geforderte Zinsverbot hatten sich auch die Holdings für ihr betrügerisches Geschäftsmodell auferlegt. Auf diese Weise sprachen sie vor allem traditionell religiös lebende Türken an. Die Holdings versprachen dabei eine Rendite von 20 bis 25 Prozent.
  Mit dem Geld der Anleger sollten Investitionen in Unternehmen getätigt, Fabrikanlagen gekauft und Arbeitsplätze geschaffen werden. Der größte Teil wurde aber nicht investiert, sondern direkt auf ausländische Konten abgezweigt. "Die Holdings hatten keine unternehmerischen Absichten", meint Yildirim. Nachdem die ersten Holdings bereits Ende der 90er Jahre Konkurs anmeldeten, fragten die Migranten bei den Gesellschaften nach ihren Anlagen und wurden vertröstet. Der Gewinn sei noch zu gering, sie sollten sich noch ein wenig gedulden.
  Zahlreiche Geschädigte haben sich dennoch an Anwälte gewendet und auch Staatsanwaltschaften haben sich in einigen Fällen eingeschaltet. Kontakt mit den Holdings aufzunehmen sei jedoch nicht einfach. "Die meisten der Teilhabergesellschaften haben ihre Geschäftstätigkeit eingestellt und sind nicht mehr erreichbar. Das Geld ist in verschiedenen Kanälen verschwunden", erklärt Yildirim.
  Von Anke Hermeling, dpa