Presse über die Türkei
Islamistische Organisationen
"Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e.V." (IGMG)
Die IGMG als zahlenmäßig größte islamistische Organisation in Deutschland und die EMUG (Europäische Moscheebau- und Unterstützungsgemeinschaft) gingen 1995 als zwei selbstständige Organisationen aus der "Vereinigung der neuen Weltsicht in Europa e.V." (AMGT) hervor. Die IGMG nimmt sich der religiösen, sozialen und kulturellen, insbesondere aber der politischen Belange ihrer Mitglieder an, während die EMUG für die Verwaltung des umfangreichen Immobilienbesitzes zuständig ist.
Politisch steht die IGMG seit ihrer Gründung in enger Verbindung mit verschiedenen islamistischen Parteien des ehemaligen türkischen Ministerpräsidenten Professor Necmettin ERBAKAN. Diese spielen seit Jahren in der Türkei eine bedeutende Rolle. Sie haben die Abschaffung der auf die säkularen Reformen Kemal Atatürks zurückgehenden Staatsform zum Ziel und wurden wiederholt in der Türkei verfas-sungsgerichtlich verboten.
Zuletzt betraf das Verbot die "Tugend Partei" ("Fazilet Partisi", FP) im Juni 2001, doch nur knapp ein Monat nach diesem Verbot wurde die "Partei der Glückseligkeit" ("Saadet Partisi", SP) gegründet. Sie vertritt weiterhin die Linie der "Milli Görüs"-Strömung von ERBAKAN
Neben der Weitergabe von nationalistischem Gedankengut, das sich am Osmanischen Reich orientiert, ist für die IGMG ein besonderes Islamverständnis charakteristisch. Der Islam wird in diesem Bewusstsein nicht allein als eine religiöse Leitlinie für den Einzelnen betrachtet, sondern als ein umfassendes Regelwerk für das gesellschaftliche Leben, hinter das die Regeln eines demokratischen Rechtsstaats zurücktreten müssen.
In der Öffentlichkeit ist die IGMG allerdings mehr denn je um ein moderates Erscheinungsbild bemüht. Auf die Terroranschläge in den USA vom 11. September 2001 reagierte sie offiziell mit Bedauern und Distanzierung vom Terrorismus. Gleichzeitig konnte man feststellen, wie belastende Internetseiten und Links bereinigt wurden. Mit "Dialogbereitschaft" und "politisch korrektem" Auftreten will man sich als Ansprechpartner für "den Islam" in Deutschland etablieren.
Im Gegensatz zu den offiziellen Erklärungen der Organisationsspitze zeichneten die Reaktionen auf diese Anschläge in der Tageszeitung "Milli Gazete" (Nationalzeitung, inoffizielles Sprachrohr der IGMG) und in der ebenfalls in IGMG-Kreisen verbreiteten "Akit"[1] (Der Vertrag) ein anderes Bild. Sie wurden dort als "Ernte" für die Politik Amerikas dargestellt. Die "Milli Gazete" hoffte, dass "die Amerikaner die erforderliche Lehre aus den Anschlägen ziehen". Erst wenn die Amerikaner nicht mehr "Handlanger des Zionismus" seien, sondern sich für die Gründung einer weltweiten "adil düzen" einsetzten - einer "gerechten Gesellschaftsordnung", basierend auf den Thesen ERBAKANs - seien sie "eine Supermacht" [2].
In seinen Thesen zu einer "gerechten Gesellschaftsordnung", die ERBAKAN in einer gleichnamigen Schrift zusammengefasst hat, wird der Westen als ein System von "Sklavenhaltern" beschrieben, das durch den "Zionismus" gelenkt würde
Dieses Denken entspricht weitgehend dem europäischer Antisemiten und ist eindeutig verfassungsfeind- lich. Doch nicht nur in ERBAKANs "Adil Düzen" sind antisemitische Äußerungen zu finden, sondern auch in der "Milli Gazete", wie über Jahre hinweg beobachtet werden konnte. Ebenso wurden Zitate aus den "Protokollen der Weisen von Zion" bereits in dieser Zeitung veröffentlicht. Auf diese Weise werden dort revisionistische Thesen[3] zur Ermordung europäischer Juden während der Zeit des Nationalsozialismus wiedergegeben. Darüber hinaus stellte man den Lesern in Anspielung auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 "die wahren Terroristen" vor:
Diese Zionisten sind nicht davor zurückgeschreckt, die Welt zweimal in Brand zu setzen. Der zweite Weltkrieg wurde mit diesem Vorhaben geführt. Die Lüge von der Verbrennung mehrerer zehntausend Juden durch Hitler (Diese Lügen wurden mit Beweismitteln der ganzen Welt durch Roger Garaudy[4] widerlegt) diente als Propagandamittel, um einen zionistischen Staat zu gründen... Die Zionisten, die den Befehl der Kabbala[5] Saugt das Blut der gesamten Menschheit' als absoluten Befehl erachten, bringen die Menschheit im Rahmen dieses
Planes jeden Tag näher an den Abgrund".[6]
Ein Schwerpunkt der IGMG-Aktivitäten liegt in der Jugendarbeit. Dies verdeutlicht auch ein Artikel in dem Publikationsorgan "Yeni Dünya" (Neue Welt), das fast ausschließlich für IGMG-Anhänger relevante Informationen enthält. In diesem Artikel wandte sich der IGMG-Jugendverband Schwaben "An die islamischen Jugendlichen". Für die Jugend setzte er folgende, von Allah bestimmte Aufgaben fest:
"1. Ihr müsst die von Allah an den Propheten Muhammad gesandten Bestimmungen auf Erden in die Tat umsetzen und dafür sorgen, dass diese auch eingehalten werden. 2. Ihr müsst die Untertanen von Untertanen[7] befreien und dafür sorgen, dass diese nur Allah dienen. 3. Ihr müsst euch von falschen[8] , unsinnigen Religionen und allen schlechten Dingen fernhalten und euch davor schützen. Junge Mudjahidin! Habt ihr schon einmal daran gedacht, wie ihr diese heiligen Aufgaben erfüllt?"
Auf die Frage, wie dies zu bewerkstelligen sei, erteilte der Funktionär selbst die Antwort: "1. Mit einem festen und stahlharten Glauben. 2. Mit lauterer Gesinnung. 3. Mit einem unerschütterlichen Willen, der keine Ängste kennt. 4. Mit unermüdlichem und wohl durchdachtem Arbeitseifer. 5. Keinen anderen Weg einschlagen außer dem der Aufopferung und des Märtyrertums um Allahs Willen."[9]
Mit dem Freizeitangebot für Kinder und Jugendliche in Form von Ferienbetreuung, Sportvereinen, Hausaufgabenhilfe und Koranlesewettbewerben mit Unterbringung in den vereinseigenen Moscheen verfolgt die IGMG Ziele, die weit über die Jugendarbeit hinausgehen. Es gilt, Jugendliche für die politische Ideologie zu gewinnen und sie von der Vorrangstellung der Gemeinschaft vor individuellen Belangen zu überzeugen. Bei der Vermittlung dieser besonderen "islamischen Identität" werden die Probleme einer "Angleichung" an die Nichtmuslime hervorgehoben, welche die IGMG strikt ablehnt. Ihr Bildungskonzept sieht die Erziehung zu einer islamistischen Weltanschauung vor. Es steht damit nach ihrer Auffassung im offenen Widerspruch zum "westlichen" oder "imperialistischen System". Durch den Entwurf eines klar umrissenen Feindbildes wird "dem Westen" einseitig unterstellt, Jugendliche absichtlich moralisch zu verderben, um sie danach materiell um so besser ausbeuten zu können. Der zielgruppenorientierten Schulung und Strategie der IGMG-Mitgliederwerbung ist es zu verdanken, dass sie gerade auf junge, in Deutschland lebende Türken eine deutliche Anziehungskraft ausübt.
Bemerkenswert ist auch die erhebliche Finanzkraft der Organisation, die in Deutschland weiterhin bemüht ist, Immobilien zu erwerben, um neue "Stützpunkte" aufzubauen. Dass sich die IGMG nicht nur aus Mitgliedsbeiträgen finanziert, sondern auch über Mittel aus dem Bereich hier existenter türkischer beziehungsweise türkischstämmiger Unternehmerkreise verfügt, zeigt eine im Jahr 1998 in den Niederlanden durchgeführte IGMG-Jahresversammlung, die von einer "Silm Investment Holding" unterstützt worden ist. Darauf, dass eine Verbindung zwischen dieser Gesellschaft und der IGMG besteht beziehungsweise zumindest in der Vergangenheit bestand, lassen mehrere Zeitungsberichte in der "Milli Gazete" schließen. In diesen Berichten wurde die "Silm Investment Holding" als Sponsor von Veranstaltungen der IGMG erwähnt. Außerdem wurden Angehörige dieser Gesellschaft genannt, die als Gastredner auf IGMG-Veranstaltungen auftraten.[10]
Vorsitzender der IGMG war von April 2001 bis Oktober 2002 Dr. Mehmet Sabri ERBAKAN aus Köln, der zuvor langjähriger Generalsekretär der Organisation war und ein Neffe von Necmettin ERBAKAN ist. Zu seinem Nachfolger wurde der seitherige zweite Vorsitzende Osman DÖRING (auch als Yavuz Celik KARAHAN bekannt) erklärt. Anlässlich der Amtseinsetzung von Mehmet Sabri ERBAKAN erklärte der ehemalige türkische Justizminister Sevket KAZAN auf der am 15. April 2001 durchgeführten Hauptversammlung der IGMG in Hagen, dass die "Milli Görüs" als Organisation nicht nur der Stolz der Türkei sei, sondern der Stolz der "islamischen Welt mit ihren 3 Milliarden Menschen". Damit wurde deutlich, dass die von Verteidigern und Befürwortern der IGMG behauptete Ausrichtung auf einen "integrativen europäischen Islam", der unabhängig von den politischen Tendenzen der Heimatländer sei, als Propagandaparole aufzufassen ist.
Die IGMG versteht sich grundsätzlich als Sammelbecken islamischer Auslandstürken in Europa, unterhält jedoch in der Türkei keine eigenen Strukturen. Die Organisation verfolgt ihre Einflussnahme zur Durchsetzung islamistischer Positionen im Bundesgebiet mit unterschiedlichsten Mitteln: So versucht sie immer wieder, Entscheidungsträger in den deutschen Parteien und in der Politik für ihre Ziele zu gewinnen. Außerdem äußert sie sich in öffentlichen Erklärungen zunehmend (vermeintlich) positiv über die Bereitschaft ihrer Mitglieder zur Integration in und Assimilation an die deutsche Gesellschaft und versichert, sie werde das Grundgesetz achten. Zweifel hinsichtlich der Ernsthaftigkeit solcher Äußerungen bestehen jedoch, da die Organisation den Integrationswillen von der Gewährung "uneingeschränkter Religionsfreiheit", wie sie diese interpretiert, abhängig macht. Dieses Streben nach uneingeschränkter Religionsausübung, also nach verpflichtender Anerkennung von Koran und Scharia, steht jedoch im unlösbaren Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung
Bei der Verwirklichung ihrer Ziele nutzt die IGMG gezielt andere, unbelastete Organisationen, um über sie Einfluss auszuüben. Bewusst werden vorhandene Verbindungen verheimlicht, um zu vertuschen, dass hinter einer scheinbar renommierten Einrichtung eigentlich die IGMG steht. So unterliegt beispielsweise der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (altpreußischer Tradition) e.V. ebenso dem Einfluss der IGMG wie das mit dem Islamrat eng zusammenarbeitende Zentralinstitut Islamarchiv Deutschland im nordrhein-westfälischen Soest. Dieses scheute sich in der Vergangenheit nicht, selbst der sich als "Kirche" bezeichnenden "Scientology-Organisation" Unterstützung bei der propagandistischen Bekämpfung staatlicher deutscher Institutionen zu gewähren. Kontakte bestehen auch zur "Anti-Ahmadiya-Bewegung" ("Aalami Majlis-i Tahaffuz-i Khatm-e Nabuwwat"[11]) , deren Vorstellungen von "Religionsfreiheit" in unvereinbarem Gegensatz zum Grundgesetz stehen.
Ebenso wenig fehlen Kontakte zur "Muslimbruderschaft" (MB). Hervorzuheben ist außerdem die Verbindung zu deutschen Muslimen, insbesondere in Weimar, die aus ihrer Unterstützung für die türkischen Islamisten keinen Hehl machen und die wirtschaftliche Ordnung in Deutschland fundamental kritisieren.
Als Sprachrohr der IGMG dient die türkische Tageszeitung "Milli Gazete". Bis vor kurzem erreichte die Regionalzeitung "Yeni Dünya" IGMG-Mitglieder des Verbandes Schwaben. Seit Januar 1995 erscheint zudem monatlich das teilweise mit deutschen Artikeln versehene eigene Nachrichtenblatt "Milli Görüs & Perspektive".
[1] Das Erscheinen der "Akit" wurde zwischenzeitlich eingestellt. Ihre Nachfolgerin ist die Tageszeitung "Vakit" ("Die Zeit").
[2] Internetausgabe der "Milli Gazete" vom 13. September 2001.
[3] Revisionismus steht für den Versuch, den historischen Nationalsozialismus positiv darzustellen, insbesondere für das Bestreben, das nationalsozialistische System zu entlasten oder gar ganz freizusprechen, indem zum Beispiel die Massenvernichtung von Juden geleugnet wird.
[4] Roger GARAUDY ist ein französischer Philosoph, ursprünglich Marxist und katholisch, jetzt aber Muslim. Er wurde als Revisionist in Frankreich verurteilt.
[5] Hebräisch: Überlieferung; Jüdische Mystik und Geheimlehre seit dem 12. Jahrhundert.
[6] Mit diesen Untertanen sind die Regierenden gemeint, die als Untertanen des höchsten Souveräns, nämlich Gott, betrachtet werden.
[7] Mit diesen Untertanen sind die Regierenden gemeint, die als Untertanen des höchsten Souveräns, nämlich Gott, betrachtet werden.
[8] Die Begriffe "batil" ("unbedingt Falsches") und "haqq" ("unbedingt Richtiges") gelten nach ERBAKAN als grundlegend für eine gerechte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Die westliche Zivilisation (Deutschland mit einbegriffen) ist als "batil" einzustufen. Das "Milli Gazete"-Motto "Hak Geldi Batil Zail Oldu" ("Gekommen ist die Wahrheit - Verschwunden ist das Unrecht") weist auf diese immer noch gültige Deutung hin.
[9] "Yeni Dünya" vom Januar/Februar 2001.
[10] "Milli Gazete" vom 10./11. Oktober 1998, 28. Januar 1999, 23. März 1999, 20. April 1999 und 7. Juni 1999 .
[11] "Weltrat zur Bewahrung des prophetischen Siegels" - Programmatischer Name einer pakistanischen Organisation, die sich die Bekämpfung der von der Orthodoxie abweichenden Gruppe Ahmadiya Muslim Jamaat zur Aufgabe gemacht hat